Segeln Griechenland

Imeri Gramvousa – die abgelegene Zahme

Gramvousa ist eine kleine dem schroffen Nordwestende von Kreta vorgelagerte Insel. Wir haben dieses Juwel 2017 als einen unserer Energieplätze kennen und lieben gelernt, als wir zum ersten Mal Kreta auf eigenem Kiel besegelten.

Ich war davor schon mal auf Besuch in meiner Kindheit im Rahmen einer Ausflugsfahrt mit einem der Touristenkutter, dementsprechend gering fielen auch die Erinnerungen aus.

Schon von weitem weht bei der Ansteuerung die griechische Fahne am Gipfel entgegen. Beim ersten Besuch ist die Ansteuerung aufgrund der zahlreichen Untiefen und vorgelagerten Felsplatten sehr anspruchsvoll. Auch das vor sich hinrostende Schiffswrack an der Einfahrt zur Bucht wirkt nicht gerade vertrauenserweckend.

Hat man einmal von ganz oben auf der Insel einen Rundblick schweifen lassen, erkennt man die Gefahren im türkisblauen Wasser und kann sich die Untiefen und Riffe besser einprägen. Mittlerweile haben wir die Insel auch schon mehrmals bei Nacht quasi „im Schlaf“ angesteuert und wissen auch welcher Radius für die Ausflugsboote, die tagsüber mit Touristen bepackt einfallen, freizulassen ist. Unser Ankerplatz auf Google-Maps.

Geschichtliche Hintergründe zur Insel Gramvousa

Das Faszinierende an der Insel ist ihre historische Bedeutung. Überlieferungen zufolge war Gramvousa in der griechischen Mythologie die Heimatinsel des Gottes Aiolos, dem Herrn der Winde. Odysseus machte hier nach dem Trojanischen Krieg auf seiner Rückkehr nach Ithaka Halt, wo ihm vom Herrn der Winde ein ledernen Sack mit Sturmwinden überreicht wurde, den er zugenäht behalten sollte, um ihm eine sturmfreie Rückreise zu ermöglichen. Jedoch wurde der Sack frühzeitig geöffnet, und die frei werdenden Winde trieben die Schiffe des Odysseus wieder zurück nach Gramvousa.

Im Mittelalter war Gramvousa der westlichste Verteidigungsposten der venezianischen Republik und beherbergte eine massive, groß angelegte Festung, die bis heute sehr gut erhalten ist und den Besuchern die Geschichte lebendig erscheinen lässt. Kreta gehörte im späten Mittelalter ja zu Venedig. Von Gramvousa aus wurden Eindringlinge erfolgreich abgewehrt, und die Insel blieb auch nach Übernahme Kretas durch die Osmanen noch viele Jahre im Besitz der Venezianer.

Für uns immer wieder faszinierend, wie leichtfüßig in Griechenland oftmals mit historischen Stätten umgegangen wird: keine peniblen Einzäunungen, keine Eintrittsgelder, keine offensichtlichen Instandhaltungsarbeiten, geschweige denn Aufseher, was den Entdeckersinn und die Fantasien beim Herumstreunen umso mehr weckt.

Vom Strand aus führt ein steiler Weg den Hügel hinauf zu den gut erhaltenen Festungsmauern. Dieses Jahr wurde der Weg für die großteils nur mit Badeschlappen ausgestatteten Besucher ausgebaut und mit Stufen versehen.

Am beindruckenden Eingang mit seinem gut erhaltenen Torhaus lehnt ein venezianischer Löwe unprätentiös, sein steinernes Wappenschild abgebröckelt ein paar Meter daneben, überwuchert von Kapernsträuchern mit überreifen Beeren.

Ein zweiter Löwe, so erzählen uns die Einheimischen, wurde vor über 20 Jahren entführt, in einer Nacht- und Nebelaktion per Helikopter ausgeflogen. Die Polizei wurde zwar alarmiert, schritt aber nicht ein um die Schänder zu überführen.

Im Inneren der Festungsanlage findet man eine Kapelle samt gut erhaltenem Dach, sowie ein Tonnengewölbe und ehemalige Zisternen. Die gesamte Anlage ist gesäumt mit Überresten von Gebäuden.

Hin und wieder verschlägt es Archäologenteams auf die Insel, für die auch ein kleines Gebäude am Strand eingerichtet ist. Glaubt man den Einheimischen, lassen sie sich jedoch bei ihren Besuchen gerne vom karibisch türkisblauen Wasser verführen.

Unser autarkes Inselleben auf Gramvousa

Für mich gehört ein täglicher Aufstieg zur Festung entweder früh morgens oder kurz vor Sonnenuntergang zum Ritual, manchmal sogar beides :).

Ganz alleine auf der Festungsmauer die Beine und Seele baumeln lassen, die unglaubliche Weite des Meeres genießen, den Blick auf die Nachbarinseln und über den Nordwestzipfel von Kreta mit der beeindruckenden Balos-Bucht schweifen lassen und sich den Wind um die Ohren sausen lassen, die Augen schließen und sich in die griechische Mythologie zurückversetzen, die schwergängige Flotte des Odysseus herannahen sehen – oder sich ganz einfach nur dem Gefühl unendlicher Freiheit und Dankbarkeit hingeben.

Und zugegeben: Ganz oben am Nordostende der Festung ist der einzige Spot der Insel, wo das Handy halbwegs Empfang bekommt und mit viel Glück und Aiolos Gnädigkeit sogar eine Sms oder ein schlankes Email auf Reisen geschickt werden kann.

Wie immer lieben wir es auch abseits der ausgetretenen Pfade herumzustreunen und haben die Insel bereits im Detail durchkämmt, von den Dornenbüschen aufgekratzte Beine tapfer in Kauf nehmend. Agavengewächse säumen die Südküste der Insel mit ihren meterhohen Blüten, die oft den starken Winden zum Opfer fallen und mit geknicktem Haupt zu Brennholz für ausgelassene Grillabende vertrocknen.

Die Idylle auf der Insel hält bis ca. 11:30 vormittags, spätestens dann wird man von einem riesigen Ausflugsdampfer aus der paradiesischen Traumwelt geholt. Mit Brutalität und tosendem Lärm durchkämmt der riesige Anker den gesamten Meeresgrund der Bucht bis das Heck des Fährriesen den kleinen Pier erreicht und Hunderte für einen Badeausflug und den Aufstieg zur Festung mehr oder minder gerüstete Touristen vom Boot strömen.

Wie eine Ameisenstraße schlängeln sich Touristenmassen mit Selfiesticks, Sonnenschirmen, Schwimmreifen, Cowboyhüten und anderen für essentiell erachteten Utensilien bewaffnet in der sengenden Hitze dahin. Ein Teil, meist urlaubende Einheimische und Familien mit Kleinkindern, entscheidet sich für den direkten Spurt zum Strand und den Wettkampf um die wenigen Plätze unter den Schatten spendenden Tamarisken. Die tapfere Masse bleibt anständig eingereiht in der Ameisenstraße und tritt zum Gipfelsturm an. Heimlich wetten wir grinsend wer die Pole Position halten wird und als erstes das Burgtor erreicht. Auch im Nationenraten anhand des Rottons der Hautfarbe sind wir mittlerweile schon ganz gut :).


Bei unserem ersten Besuch wollten wir den Einheimischen nicht glauben, die uns „gewarnt“ hatten, dass tagsüber über 1.500 Besucher die Insel stürmen, verteilt auf drei Ausflugsdampfer, die nach einem gut aufeinander abgestimmten Fahrplan abwechselnd Gramvousa und das nahegelegene Balos ansteuern mit jeweils 1-2 Stunden Aufenthalt, bis mit lautstarkem Signalton zur Abfahrt geblasen wird und die letzten Gäste beinahe panisch winkend zum Schiff stürmen.

Das Fährunternehmen hat eine ziemliche Monopolstellung und viel Einfluss in der Region erfahren wir, so stark, dass es jegliche Infrastruktur auf der Insel verhindern konnte, um kein Geschäft an Mitbewerber zu verlieren. Somit gibt es auf der Insel keinen Liegen- und Schirmverleih, keine Erfrischungen und auch sonst keinerlei Services für die unzähligen Badegäste, geschweige denn Toiletten.

Ab 17 Uhr kehrt dann idyllische Ruhe ein, und man spürt die Natur förmlich aufatmen.

Die Insel ist an sich unbewohnt, nur in den Sommermonaten lebt hier Michalis, ein in Kissamos ansässiger Einheimischer, der die Abgeschiedenheit und das entbehrungsreiche Leben auf der Insel liebt und sie hütet wie seinen Augapfel. Er kümmert sich auch darum, dass die Insel sauber bleibt, organisiert Mülltonnen, die die Mehrheit der Besucher mittlerweile auch nutzen, obwohl ich bei meinen Aufstiegen zur Festung immer noch zahlreiche Plastikflaschen und Aludosen finde und zur Entsorgung mit an den Strand nehme. Unglaublich eigentlich wie wenig Respekt manche Besucher der Natur entgegenbringen.

Wenn Michalis nicht gerade zu den Stoßzeiten die Besucherströme in Schach hält und an einem spartanisch aufgebauten Verkaufsstand gebastelte Muschelketten, selbst geschürftes Salz und Honig aus Eigenproduktion feilbietet, genießt er die Einsamkeit in seiner Hängeschaukel auf der Terrasse des Gemeinschaftshauses mit integrierter kleiner Kapelle, pflegt und gießt die wenigen Bäume der Insel und befreit den Strand von zurückgelassenem Unrat. Er erhält dafür von der Gemeinde auch ein bescheidenes Salär, das ihn über die Runden bringt. Zum Geld Ausgeben hat er ja 6 Monate im Jahr ja auch nicht wirklich eine Gelegenheit.

Süßwasser gibt es ausreichend auf der Insel, es kommt aus einer alten Zisterne und wird von dort in einen Tank gepumpt. Ob nur durch Regenwasser oder auch durch eine Quelle gespeist, weiß keiner so genau, bis jetzt jedenfalls ist es zum Glück noch nie versiegt und reicht neben dem alltäglichen Bedarf im Haushalt sogar fürs Gießen der Bäume und des kleinen Gemüsegartens, somit sah sich bis dato niemand veranlasst den Ursprung zu hinterfragen.

Wir sind dankbar von Michalis mit großer Gastfreundschaft aufgenommen worden zu sein und zählen ihn heute zu unseren Freunden. Er hat uns tiefe Einblicke in seinen rauen Inselalltag gewährt – bei Schönwetter und bei Sturm –  und uns teilhaben lassen an seinem authentischen, autarken Leben.

Mitbringsel und Gastgeschenke lassen sein von der Sonne gegerbtes und von einem weißen Rauschebart überwuchertes Gesicht in einem Lausbubenlächeln erstrahlen. Dieses Jahr waren es die obligaten Mozartkuglen, die bei unseren griechischen Freunden besonders gut ankommen, obwohl uns immer vorkommt, dass sie eigentlich ausschließlich Touristen schmecken – aber Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden, sowie ein Stück geräucherter Schinkenspeck aus den Salzburger Bergen.

Der Skipper durfte mit zum Fischen – bei den Griechen noch eine traditionelle Männerdomäne, was mir ein paar Mehrstunden an Schlaf bescherte. Netze in der Abenddämmerung auslegen und vor dem Morgengrauen wieder in mühsamer Handarbeit einholen. Danach den Fang sondieren und die für den Verzehr geeigneten Fische am Strand ausnehmen, mit Zitronen beträufeln und im Kühlschrank für den Grillabend bereit halten.

Ein anderes Mal ging es in der Abenddämmerung auf Hasenjagd. Bis vor kurzem gab es einen Überbestand an Wildhasen, die aber leider letzten Winter in großen Zahlen Plünderern vor die Flinte liefen, wodurch der Bestand drastisch reduziert wurde und beim Spazieren nur mehr selten ein Hoppeln zu sehen ist. Kaum erlegt, werden die Hasen am Baum aufgehängt zum Ausbluten, Fell Abziehen und Ausweiden. Da geht es noch sehr urig und spartanisch zu, dafür aber wird nur nach Bedarf gejagt und das Erlegte zur Gänze verwertet.

Weniger rau aber trotzdem sehr interessant war es von Michalis zu lernen wie man Salz schürft. Ein paar natürliche Steinbecken hinter dem schmalen Schiffsanleger bieten ideale Voraussetzungen dafür.

Mittlerweile kennen wir auch schon Freunde von Michalis, die gerne ihre Wochenenden auf der Insel verbringen, von Kissamos übersetzen und in kleinen Schlauchbooten oder im Zelt nächtigen. Dann wird üblicherweise zum abendlichen Barbecue geladen. Jeder bringt mit was er gerade hat und sein Kühlschrank hergibt. Wir bringen meist Salate und Gemüse zum Grillen. Zu Beginn waren wir noch etwas schüchtern unseren selbst gemachten Tsatsiki Einheimischen zu kredenzen, aber er fand zu unserer Freude großen Anklang, sodass er ab dem zweiten Grillabend schon mit größerem Selbstbewusstsein aufgetragen wurde.  Weiters erfreuen wir die Gäste mit gekühlten Getränken, Pitabrot und süßen Köstlichkeiten. Wenn wir unmittelbar davor an einem Ort mit Infrastruktur waren, bringen wir gerne auch ein paar Kilo Souvlaki oder sonstiges Fleisch mit. Abnehmer finden sich gerade an Wochenenden immer genug 🙂

Michalis gibt beim Grillen auch schon mal gerne das Zepter ab und lässt seine Freunde bei den Abendwinden mit dem Anzünden kämpfen und sich von den Kochkünsten seiner Gäste verwöhnen.

Der Ausblick von der Terrasse auf die Bucht und die umliegende Landschaft ist bei Mondlicht abartig schön und sorgt auch in lauen Sommernächten bei uns für Gänsehaut, so nahe geht uns die Intensität der Natur.

Nach einem üppigen BBQ heißt es für die Männer dann manchmal noch sich mit Kübeln und Taschenlampen zu bewaffnen und zum Schnecken und Krebse Fangen auszuschwärmen. Die Fänge werden dann wie bei einem Schulwettbewerb verglichen und am nächsten Vormittag von Michalis zu einem richtigen Bauernfrühstück verarbeitet; mit viel Olivenöl, Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch.

Nicht nur wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit nicht jedermanns Sache, aber dem Skipper hat’s geschmeckt :).

Gefehlt hat bei unserem letzten Besuch sein treuer Begleiter Rambo, ein schwarzer Hundemischling. Er fuhr ein paar Tage vor unserem Eintreffen mit einem der Touristenkutter nach Balos und verweigerte es im Anschluss wieder per Beiboot einzusteigen.

Wir trafen ihn bei unserer Balos-Wanderung bester Laune an, hatte er doch endlich einen Artgenossen als Spielgefährten gewonnen. Wir hoffen, dass er trotzdem bald wieder seinen Weg zurück zu seinem Herrl und seinem Revier findet. Balos Lagoon auf Google-Maps.

Schwer fällt uns allen jedes Mal der Abschied, und wir müssen fest versprechen bald wiederzukommen, erst dann dürfen wir den Motor anlassen und die Ankerwinsch in Betrieb nehmen. Wenn es dann wieder mal soweit ist, blasen wir schweren Herzens kräftig ins Nebelhorn und Michalis entblößt am Strand seinen Oberkörper und wirbelt sein von der Sonne ausgebleichtes T-Shirt wie ein Lasso durch die Luft und schreit uns nach: Kalo Taxithi – gute Reise!

Gramvousa, wir kommen bestimmt wieder! Wir hoffen Du bewahrst Deine Schönheit und hältst weiterhin dem Massentourismus tapfer entgegen.

Empfohlene Revierführer und Seekarten

Wir haben so ziemlich alle gängigen Hafenhandbücher und Revierführer vom bereisten Seegebiet. Folgende Literatur der Region verwenden wir persönlich gerne und können sie Euch auch guten Gewissens weiterempfehlen…

Greek Water Pilot* von Rod Heikell

Seekarten* von Imray für Kreta West: G37 sind bei uns alle als Backup neben den elektronischen Seekarten am Schiff vorhanden.

Kreta Reiseführer* von Eberhard Fohrer. Wir schätzen die Reise- und Wanderführer vom Michael Müller Verlag sehr – speziell deren individuelle Wandertipps.

Empfohlene Yachtcharter Agentur

Master Yachting* gehört zu den führenden deutschsprachigen Yachtbrokern und bietet weltweit eines der umfangreichsten Yachtcharterangebote für Segelyachten, Katamarane und Motoryachten an. Wir haben früher selbst oft bei Master Yachting unsere Boote gechartert und können Euch daher deren Service wärmstens empfehlen. In mehr als 30 Revieren und in über 20 Ländern der Welt umfasst das Angebot derzeit ca. 9.000 Yachten – von der 24 Fuß Segelyacht bis hin zum 60 Fuß großen Luxuskatamaran mit Crew.
Neben dem klassischen Bareboat-Charter bietet Master Yachting auch Flottillen, Regatten und Crewed-Charter mit Skipper, Koch und Hostess an.

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Monika

Monika

Seit über 15 Jahren der Faszination Segeln erlegen. Segeln gibt mir Zeit, Kraft und Ruhe, zeigt mir Grenzen und eröffnet Möglichkeiten zu Entschleunigung und Selbstreflexion. Ich mag es von den Kräften der Natur stets herausgefordert zu werden und im Einklang mit der Natur zu leben.

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