AllgemeinFahrtensegler-Interview

Weltumsegelung: Die Atanga-Crew im Interview

Heute möchten wir Euch die beiden deutschen Blauwassersegler Sabine und Joachim Willner vorstellen, die sich nun schon seit fast 5 Jahren auf Weltumsegelung befinden. Und bis die beiden einmal rund um den Globus gesegelt sind und sie ihre eigene alte Kurslinie kreuzen, wird es wohl noch ein paar weitere Jahre dauern.

Kennengelernt haben sich die beiden im Jahr 1999 und schnell Gemeinsamkeiten entdeckt: Tauchen, Motorrad fahren und Reisen. Beide hatten gute Jobs (Sabine als Bilanzbuchhalterin und Joachim als Manager in der Zigarettenindustrie) und waren zufrieden mit ihrem Leben im Einfamilienhaus in Hamburg. Verpflichtungen durch Kinder oder Haustiere hatten sie keine, und es boten sich viele Gelegenheiten die Welt zu erkunden: Safari in Afrika, mit dem Jeep durch Costa Rica oder Tauchen auf den Malediven. Später kamen Chartertörns auf der Nord- und Ostsee und im Mittelmeer dazu.

Die Idee, ein eigenes Schiff zu kaufen und auf Weltumsegelung zu gehen, war der nächste logische Schritt. Seit Juni 2014 leben die beiden Fahrtensegler nun dauerhaft auf ihrer SY Atanga.

Vorstellung der Segelyacht „Atanga“

Allgemeine Schiffsdaten

Werft/Hersteller/Modellbezeichnung: Hanseat 42
Material: GFK
Kielform: gemäßigter Langkieler
Baujahr: 1989

Länge: 12,75 m
Breite: 4,00 m
Tiefgang: 1,90 m
Gewicht: 12 to

Anzahl an Kojen: 3 (ursprünglich waren es mal 6)
Anzahl an Nasszellen: 1

Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit:  ca. 5,5 kn

Schiffswert: Unbekannt. Der Markt für gebrauchte Segelschiffe befindet sich derzeit im freien Fall. Das ist für uns im Augenblick aber unwichtig, da wir nicht verkaufen wollen.

Motor-Antriebskonzept

Motor Herstellerbezeichnung/Leistung: Yanmar LHTE, 110 PS
Welle oder Saildrive: Welle
Propeller: Vierflügel Drehpropeller von SPW

Takelung und Segelgarnitur

Takelung: Slup mit zwei Vorstagen
Segelgarnitur: Großsegel, Genua, Fock und Blister

Wieviel % an den Gesamtstunden unter Segeln habt ihr welches Segel in Einsatz?

Groß: 45 m² (60%)
Genua: 48 m² (80%)
Fock: 39 m² (20%)
Blister: 110 m² (2%)

Ankergeschirr

Hauptanker: Rocna, 33 kg; Edelstahlkette (Duplex) 10 mm, 50 m lang, plus verzinkte 10 mm Kette, 45 m lang

Zweitanker: Fortress FX-23; wie oft wir ihn verwenden? Bisher kam er dreimal zum Einsatz.

Drittanker: Den ursprünglichen Hauptanker von Atanga (25 kg) führen wir als Drittanker mit. Dieser kam aber noch gar nicht zum Einsatz.

Steuern und Navigieren

Pinne oder Steuerrad bzw. zwei Steuerräder: 1 Steuerrad

Wieviel % der Fahrtzeit im Jahr verwendet ihr welches System zum Steuern?
Windfahnensteuerung (Windpilot Pacific Plus): 98%
Autopilot: 1%
Handsteuerung: 1%

Mit welchen Informationen und Hilfsmitteln navigiert ihr auf Eurer Weltumsegelung?
Kartenplotter von Raymarine Axiom Pro mit Navionics Karten und Open CPN.
Weiters sind als Art Hand-GPS Gerät zwei GPS-Mäuse von Navilock im Einsatz.

Seekarten in Papier und/oder elektronisch?
Detaillierte Papierkarten haben wir seit der Karibik nicht mehr im Einsatz. Allerdings haben wir alle gängigen Revierführer an Bord unserer SY Atanga in denen häufig Karten gedruckt sind. Außerdem haben wir immer Übersegler in Papierform dabei, falls die Elektronik ausfallen sollte.

Radar Typ: Raymarine Quantum*
Fernglas Typ: Steiner Safari UltraSharp 10×42*

Kommunikation

Wie kommuniziert ihr an Bord mit der Außenwelt?
Funkgerät(e) Typ:
KW IC-718, VHF IC-M506
Satellitentelefon: nein
AIS (aktiv/passiv): aktiv (Vesper)
Telefon: Android, zwei Stück
Mobiles Internet: lokale Sim-Karten oder W-Lan Außenantenne mit Router

Energiemanagement
Weltumsegelung SY Atanga Solarpaneele

Welche Systeme zur Energiegewinnung und Speicherung verwendet Ihr?
Batteriekapazität: 2 x 120 Ah und 1 x 180 Ah fürs allgemeine Bordnetz; 1 x 100 Ah als Starterbatterie; alles Heavy Duty Truck Bleiakkus

Solarpaneele: 2 x 100 Wp (auf dem Geräteträger) und 1 x 130 Wp (an der Reling zum Aufstellen)
Windgenerator: Superwind 350
Hydrogenerator: nein
Generator: nein

Wie zufrieden seid Ihr mit Eurem Energiemanagement-Konzept?
Wir sind an den meisten Tagen zufrieden mit der Stromausbeute. Trotz Wassermacher und dem Einsatz eines Brotbackautomaten sind die Batterien abends voll. An windlosen, bedeckten Tagen kann es mal eng werden, dann muss auch schon mal Strom gespart werden.

Tankinhalte

Wie große Tanks habt ihr und wie zufrieden seid ihr mit den Lösungen?
Diesel:
400 Liter, leider haben wir keinen Tagestank. Diese Kombination würden wir als optimal betrachten.

Hattet ihr schon mal Probleme mit Dieselpest? Nein, zum Glück nicht.
Macht bzw. verwendet ihr da vorbeugende Zusatzmittel? Ja, wir nehmen immer Grotamar.

Süßwassertanks: Zwei Wassertanks mit je 350 l
Habt ihr einen Watermaker? Ja, einen kleinen von der Firma H2O Factory ( Typ: ex2-21 12 – 20 Liter die Stunde). Diesen können wir problemlos über die Batterie laufen lassen (ca.15 A), da wir keinen Generator haben und die Maschine nicht zur Stromerzeugung laufen lassen wollen.

Wie haltet ihr Eure Tanks auf Weltumsegelung sauber? Nur durch viel Durchsatz.
Trinkwasser aus Flaschen? Ja, aber nur als Notreserve.
Welchen Vorrat bunkert ihr da? Ca. 50 Liter.

Fäkalientank: Ja

Persönliche Fragen an die Atanga Crew Sabine und Joachim Willner

Kosten Eurer Reise – wieviel braucht Ihr im Durchschnitt jährlich für…
Die Kosten einer Weltumsegelung

Schiffshaltungskosten

Hier sind alle Kosten fürs Boot beinhaltet (Reparatur- und Wartungskosten, Versicherungsprämien, Hafen- und Liegegebühren, Kranen, Schiffszubehör inkl. Reinigungsmittel aber ohne Bootsanschaffungskosten und Bootsabschreibungskosten)

5.600 EUR im Jahr für Reparaturen, Ersatzteile, Kranen, Diesel
2.400 EUR Versicherung (Kasko und Haftpflicht)
  3.600 EUR Hafen- und Liegegebühren
11.600 EUR Gesamtkosten/Jahr für die Schiffserhaltung (Durchschnittswerte der letzten Jahre auf 100 EUR Betrag gerundet.)

Lebenshaltungskosten

Wie hoch sind Eure Kosten im Durchschnitt zu zweit für…
Hier sind alle Kosten für den Lebensunterhalt von Euch beiden beinhaltet (Essen und Trinken an Bord und in Lokalen, Landausflüge, Mietautos, Heimflüge, persönliche Versicherungen, Treibstoffe Außenborder oder Mietauto, diverse Anschaffungen wie Kleidung, Elektronische Gadgets, Bücher usw., Einklarierungskosten, Telefon- und Internetgebühren, Wasch- und Putzmittel ohne ggf. Wohnraum- und Kfz-Kosten in der Heimat).

18.000 EUR im Jahr (Durchschnittswert der letzten Jahre auf 100 EUR Betrag gerundet.)

Sabine als Bilanzbuchhalterin führt übrigens an Bord der Atanga ganz genau Buch über deren monatliche Ausgaben. Dies ist ja bekanntlich eine der begehrtesten Fragen von möglichen Nachahmern. Hier geht es zu deren detaillierten Aufstellung der Kosten.

Ihr seid laut Euren eigenen Aussagen ja keine so begeisterten Segler. Trotzdem lebt Ihr seit vielen Jahren fast ausschließlich auf Eurem Boot. Warum will bei Euch der Funke beim richtigen Segeln nicht so überspringen? Was treibt Euch trotzdem an, die Welt weiter zu umsegeln?
Weltumsegler beim Segeltrimm

Der Funke zum begeisternden Segeln muss gar nicht überspringen. Unsere verbrachte Zeit auf See liegt bei unter acht Prozent. Dafür wohnen wir sehr gerne auf unserem Boot. Für uns ist ein Segelboot der einzige bezahlbare Weg, um die ganze Welt zu bereisen. Die Freiheit überall hin zu gelangen, wiegt das „bisschen“ Segeln wieder auf. Und manchmal haben auch wir unsere Genuss-Stunden auf See. Dann ist Segeln wunderschön.

Nun habt Ihr seit dem Start Eurer Weltumsegelung ca. 16.000 Seemeilen im Kielwasser. Wie viel Arbeit ist es in der Praxis eine so robuste Blauwasseryacht wie Eure in einem guten hochseetauglichen Zustand zu halten? Was habt Ihr in der Zwischenzeit schon alles an größeren Reparaturen machen müssen?
Weltumsegelung mit der SY Atanga: Hier Sabine beim Antifouling streichen...

Arbeiten, die wir selber schaffen, vergeben wir nicht an Dritte ( z.B. Unterwasserschiff streichen, Dinghy Cover nähen, Teakdeck-Fugen erneuern, Lackierarbeiten usw.) Je nach Standort können diese Arbeiten schweißtreibend und anstrengend sein. Als Laien benötigen wir häufig mehr Zeit als ein Fachmann. Und das richtige Material zu besorgen, kann Tage dauern. In Panama hatten wir einen Blitzschaden, der 95% der Elektronik zerstört hat. Diesen Schaden haben wir mangels verfügbarer Hilfe in Eigenregie in drei Monaten Arbeit selber behoben. Das war ein Kraftakt.
Folgende große Reparaturen haben wir bislang fremd vergeben müssen: alle Wanten getauscht, da wir zwei gebrochene Unterwanten hatten. Das Hilfsruder der Windsteueranlage haben wir verloren und ersetzt. Ein Wellenbocklager ist neu.

Ihr seid ja immer nur zu zweit an Bord Eurer SY Atanga. Nehmt Ihr grundsätzlich keine Mitsegler mit oder schreibt ihr darüber einfach nicht? Habt Ihr da keine Bedenken, von Jahr zu Jahr ein wenig eigenbrötlerischer zu werden, wenn man so wenig Interaktion und soziale Kontakte mit anderen Mitmenschen hat?

Wir hatten bislang noch keine Gäste an Bord. Unsere Freunde und die Familie sind alle Nichtsegler und unbekannte Gäste möchten wir nicht mitnehmen. Um nicht total komisch zu werden, pflegen wir Kontakte zu unseren Liegenachbarn. Wir unternehmen gemeinsame Ausflüge, gehen zusammen Essen oder auch mal Party machen. Es gibt Spiele-Abende oder wir bekochen uns gegenseitig.
Die Segler-Gemeinschaft besteht aus Individualisten, die ihre eigenen Träume verfolgen und so kommt nach gemeinsamer Zeit unweigerlich die Trennung. Wie im richtigen Leben gibt es Nachbarn, die mögen wir und solche mit denen wir nichts anfangen können.

Wie wichtig sind Euch Eure Kuscheltiere und Maskottchen an Bord? Uns fällt auf, dass fast alle Langfahrtsegler Stofftiere zum Knuddeln mit auf Langfahrt haben. Selbst die härtesten Vendée Globe Skipper haben oft solche treuen Begleiter mit an Bord.

Unsere vier Stofftiere sind uns sehr wichtig (sie mögen allerdings diesen Begriff nicht, soll ich an dieser Stelle schreiben:“dont’t call me Stofftier“). Sie dienen uns häufig als Sprachrohr, um dem anderen eine unbequeme Meinung zu sagen. Soviel zum Thema „eigenbrötlerisch werden“. 😉

Sabine, Du bloggst ja immer sehr ausführlich über Eure Reiseerlebnisse. Was reizt Dich persönlich am Bloggen und für wen machst Du das bzw. was bekommst Du von Deiner Community zurück?

Bevor wir selber auf Langfahrt gegangen sind, habe ich Blogs verschlungen. Viele Ideen, Tipps und Informationen habe ich auf diesem Weg erhalten. Davon kann ich jetzt hoffentlich etwas zurück geben. Und natürlich schmeichelt es mir, wenn ich von Lesern das Feedback bekomme, dass sie sich über meine Blogeinträge amüsieren und neue Berichte kaum erwarten können.

Wie schauen Eure Reisepläne für die nächsten Jahre aus?

Wir haben gerade die Osterinsel erreicht und sind schon jetzt vom Pazifik begeistert. Wir denken im Augenblick verstärkt über eine große Pazifikrunde nach (Kiribati, Marshallinseln Hawaii, Alaska, Kanada, Mexiko …). Aber Seglers Pläne sind in den Sand geschrieben. Wir haben zum Glück die Freiheit jederzeit unsere Pläne ändern zu können.

Welche Tipps habt Ihr für unsere LeserInnen, die auch davon träumen, einmal auf Langfahrt zu gehen?
Weltumsegelung: Tipps von Langfahrtseglern

Nicht reden, machen! Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Das perfekte Schiff ebenfalls nicht. Und lasst Euch nicht von Miesmachern beirren, die meinen früher war alles besser und so eine Tour lohne sich heute gar nicht mehr, die Barfußroute sei ausgelutscht. Für Euch wird es das erste Mal sein, und es ist fabelhaft. Trotz der Segelei.

Weiterführende Links zur Atanga Crew

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Bildrechte

Alle Bilder im Blogbeitrag: © Atanga-Crew Sabine & Joachim Willner

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Markus Silbergasser

Markus Silbergasser

Ich bin leidenschaftlicher Fahrtensegler, Blogger, freiberuflicher Yachtredakteur und Reisefotograf mit über 29.000 Seemeilen Erfahrung im Kielwasser. Segle als Ausgleich und Quelle der Inspiration.
Details zu meiner maritimen Ausbildung und Reviererfahrung findet Ihr hier...

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