AllgemeinMittelmeer

Warum auch wir als Wassersportler mehr auf die Seegraswiesen achten sollten

Wir Yachties empfinden die Seegraswiesen gerade auf Ankerplätzen in der Regel als Störfaktor und unliebsames Übel, da sie uns das Ankermanöver enorm erschweren bzw. bei ganz dichten Seegraswiesen das Ankern sogar unmöglich machen können.

Wie wichtig die Seegraswiesen aber für den Ökohaushalt der Meere und sogar unseres gesamten Weltklimas sind, hat mir der österreichische Meeresbiologe Manuel Marinelli heuer im Winter auf der boot Düsseldorf und später nochmals auf der BOOT TULLN in mehreren Gesprächen einfühlsam mitgeteilt. Ich habe hier nun versucht, die Fakten unserer Zusammentreffen für Euch übersichtlich zusammenzufassen…

Seegras – der Schlüssellebensraum für viele Meeresbewohner, aber auch für uns alle

  • Posidonia oceanica, wie das Neptungras in der Wissenschaft genannt wird, kann bis zu einem Meter hoch auswachsen und bildet gerne dicke Matten am Meeresgrund, in denen dann viele Meerestiere einen guten Schutz und somit Lebensraum finden.
    • Zur Visualisierung: pro Quadratmeter einer gesunden Seegraswiese befinden sich circa 1.000 sogenannte Shoots, also kleine Bündel von Halmen, in jedem dieser Shoots wiederum sind 4 – 10 Blätter enthalten. Also im besten Fall 10.000 Blätter pro Quadratmeter Seegrund. Das wiederum bedeutet circa 200 Quadratmeter Blattfläche auf nur einem Quadratmeter Untergrund. Eine beeindruckende Rate wie wir finden!
    • Die Seegraswiesen bestehen im Mittelmeer nun schon seit über 100.000 Jahren. Damit sind sie eines der ältesten immer noch lebenden Systeme auf unserer Erde!
  • Das Seegras ist somit auch ein perfekter Brutplatz für nahezu alle Meeresbewohner. Wo in den tropischen Regionen die Korallenriffe die Rolle der Kinderstuben übernehmen, sind hierzulande im Mittelmeer die Seegraswiesen hauptverantwortlich.
    • 30 Fische wachsen pro Jahr auf einem Quadratmeter Seegras auf, das sind also 300.000 Fische auf einem Hektar Seegrasfläche.
    • Auf das gesamte Mittelmeer hochgerechnet, kann die professionelle Fischerei-Industrie im Jahr damit ca. 190 Mio. EUR erwirtschaften.
  • Mit bis zu 350 verschiedenen Arten an Meeresbewohnern kann man auf einem Hektar Seegraswiese rechnen.
  • Seegräser stabilisieren den Sand unter Wasser und verhindern somit die Erosion.
    • Beispiel: Durch die Schleppnetzfischerei rund um die Insel Sylt wurden z.B. viele frühere Seegraswiesen zerstört – jetzt investiert Deutschland jedes Jahr Millionen von Euros, um die Insel am Leben zu erhalten indem jährlich Sand aufgeschüttet werden muss, der unter Wasser wegen der fehlenden Stabilisierung einfach von den Wellen wieder abgetragen wird.
  • Seegraswiesen sind, je nachdem welcher Statistik man glauben will, zwischen 3 und 50 Mal so effektiv wie der Regenwald, wenn es darum geht CO2 zu binden.

Wie können wir als Yachties beitragen, dass die Seegraswiesen erhalten bleiben?

  • Auf Seegras keine Ankermanöver durchführen.
    • Mit jedem verfehlten Ankerversuch kann man bis zu einem Quadratmeter Seegras umgraben bzw. zerstören.
    • Ein Rhizom (Wurzelstock) benötigt sehr lange, bis er wieder nachwächst. Das Seegras-Wurzelwerk wächst nämlich mit nur 2 cm pro Jahr sehr langsam nach.
  • An einer Boje festmachen, anstatt auf einer Seegraswiese zu ankern.
  • In einigen Seegebieten des Mittelmeers muss man bereits mit erheblichen Strafen rechnen.
    • Auf den gesamten Balearen wird das z.B. schon sehr streng kontrolliert.

Die schönsten und ökologisch wertvollsten Wiesen sind also unter Wasser – passen wir gemeinsam auf, dass unsere Umwelt intakt bleibt.

Wer noch mehr zum Thema Seegras erfahren möchte, findet auf der Website der österreichischen Nonprofit-Organisation „Project Manaiawww.projectmanaia.at oder auf deren YouTube Kanal www.youtube.com/projectmanaia weiterführende Infos!

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Markus Silbergasser

Markus Silbergasser

Ich bin leidenschaftlicher Fahrtensegler, Blogger, freiberuflicher Yachtredakteur und Reisefotograf mit über 36.000 Seemeilen Erfahrung im Kielwasser. Segle als Ausgleich und Quelle der Inspiration.
Details zu meiner maritimen Ausbildung und Reviererfahrung findet Ihr hier...

5 Comments

  1. 8. April 2020 at 21:31 — Antworten

    Schöner Beitrag! Meine Anweisung an den „Anchorman“ ist immer: Wir werfen nur den Anker wo es hell ist! Wo ist es hell? (Sand) Und schon ist eine einfache Formel fertig, die jeder Anfänger versteht: Der Anker hält und die Natur wird geschützt.

    • 9. April 2020 at 07:15 — Antworten

      Danke Mathias für deinen leicht zu merkenden Input für die Crew beim Ankermanöver…

  2. Marian Carton
    9. April 2020 at 09:53 — Antworten

    Wichtiger Beitrag! Wir bringen den Anker tauchend ein, also Apnoe…
    Da gibt es keine langen Pflugspuren, bis der Anker greift. Hört sich abenteuerlich an, aber es ist ein Weg um Seegraswiesen wirklich zu schützen.

    Auch Einhand bei wenig Wind machbar: Anker fallen lassen, bei 10m Wassertiefe ca. 15m Kette… Motor im Standgas und Leerlauf. Ins Wasser, Anker richtig in das Seegras einbringen, wieder retour an Bord, vorsichtig rückwärts (Pinnenpilot fixiert nur Pinne und ist aus) und dabei weiter Kette ablassen…
    Beim Schreiben merke ich gerade, dass das mal ein Video wert wäre…

    Aber ich mache das wirklich fast grundsätzlich so, auch bei anderen Untergründen…
    Wenn man zumindest tauchend den Anker checkt, weiß man, ob alles gut ist und hat nachts ein besseres Gefühl. Und Spass macht das ganze auch noch! Hier ein Beispiel: https://youtu.be/BpT2crszE9E
    Viele Grüße Marian.

    • 9. April 2020 at 12:08 — Antworten

      Danke Marian. Den Anker tauchend ausbringen klingt spannend – habe ich so im Ankerfeld noch nie in der Paraxis erlebt. Vor allem nicht als Einhandsegler…

  3. Marian Carton
    9. April 2020 at 12:55 — Antworten

    Hallo Markus, das frage ich mich allerdings auch schon die ganze Zeit. Wahrscheinlich sind es für die meisten Segler zwei getrennte Welten…
    Entweder segeln oder (Apnoe-) Tauchen… Für mich gehört beides eng zusammen. Viele Situationen beim Segeln/Ankern kann man mit einem Verständnis für die Unterwasserwelt besser handhaben. Dann sieht man auch die zerstörten Seegraswiesen, weil viele ihren Anker eindampfen und dabei dutzende Meter Meeresgrund regelrecht umpflügen. Auch das Ankern auf Fels ist dann kein Problem mehr, allerdings nur mit Ruckdämpfer. Viele Grüße Marian

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